Lernen fürs Leben

Eingetragen bei: Uncategorized | 0

Sprache ist der wichtigste Schlüssel zur Integration in einem fremden Land. Deshalb sind Deutschkurse für Flüchtlinge, die auf die Anerkennung ihres Asylantrages warten, enorm begehrt. Allein in der Gemeinde Marienheide laufen derzeit drei Kurse mit 75 Teilnehmern, getragen vom Evangelischen Kirchenkreis An der Agger und refinanziert von der Bundesanstalt für Arbeit (BA).

Der Unterricht findet im Franz Dohrmann Haus in Marienheide und im Gemeindehaus in Kotthausen statt und umfasst insgesamt 320 Stunden. Maren Berges, Ehrenamtskoordinatorin des Kirchenkreises, sorgt dafür, dass organisatorisch alles rund läuft. Von der Empfehlung der BA, pro Woche fünfmal acht Stunden anzubieten, ist sie aus gutem Grund abgewichen: „Acht Stunden konzentriertes Lernen überfordert die meisten Teilnehmer. Und viele haben ja noch andere Verpflichtungen, müssen zum Beispiel mittags die Kinder vom Kindergarten abholen.“ Deshalb ist schon nach vier Stunden Schluss.

Die Teilnahme an den Kursen ist freiwillig, aber zugelassen sind nur Flüchtlinge aus Syrien, Iran, Eritrea und Irak, die gute Aussichten haben, in Deutschland bleiben zu dürfen. Die sprachlichen Voraussetzungen, die diese Menschen mitbringen, könnten kaum unterschiedlicher sein: Die Spanne reicht von Analphabeten, die nie eine Schule besuchen konnten und auch die arabische Schrift nicht beherrschen, bis hin zu gut ausgebildeten jungen Menschen mit Schulabschluss und Berufsausbildung oder Studium, die über gute Englischkenntnisse verfügen und in unserer lateinischen Schrift schreiben. Deshalb wurden die Lernenden auf drei Kurse verteilt, die in unterschiedlichem Tempo voranschreiten.

Die insgesamt acht Dozentinnen und Dozenten aus den unterschiedlichsten Berufen (Lehrer, Finanzbeamter, Physiker, Pfarrer) gestalten den Unterricht mit viel Engagement und Kreativität. Die ist vor allem bei den Analphabeten gefragt, wo zum Beispiel selbst gestaltete Memory-Spiele bei der Zuordnung von Bildern und Wörtern helfen. Hier, wo Karlheinz Pause seine Liebe zur deutschen Sprache und Elisa Josten ihre Erfahrung als Grundschullehrerin einbringen, geht es allerdings – zumindest im Anfang – nicht ohne Dolmetscher. Diese Rolle hat Taher Damash aus Syrien übernommen, unentgeltlich: „Weil ich selber ja auch noch lerne dabei.“ Manchmal findet der Unterricht auch außerhalb des Klassenraums statt: Beim Einkaufen im Supermarkt wird Alltagspraxis geübt.

Doch es sind nicht allein die sprachlichen Probleme, die bewältigt werden wollen. Manche Teilnehmer konnten zunächst dem Unterricht kaum folgen, weil ihnen eine Brille fehlte oder weil Bomben-Detonationen störende Ohrgeräusche (Tinnitus) hinterlassen haben. Eine Teilnehmerin, die unter Trümmern verschüttet war, wird immer wieder von ihren traumatischen Erinnerungen überwältigt und ist dann natürlich unfähig sich auf den Lernstoff zu konzentrieren.

Aber alle Schülerinnen und Schüler sind hoch motiviert und in den Kursen, wo Männer und Frauen gemeinsam lernen, herrscht eine gute Atmosphäre, herzliches Lachen inklusive. Das bestätigen alle Dozenten. „Die meisten geben richtig Gas“, freut sich Gabriele Räderscheidt, die der „Mittelstufe“ die komplexe Welt der deutschen Grammatik näherbringt. Einer der Teilnehmer, von den Analphabeten in ihre Gruppe aufgerückt, hat zwar nie eine Schule besucht, ist aber offensichtlich so intelligent, dass sie ihm sogar Abitur und Studium zutrauen würde.
Im dritten Kursus (intern „Turbogruppe“ genannt) befassen sich die Teilnehmer mit Diskussionskultur und politischen Themen wie: „Was ist ein Gesetz?“ Und weil derzeit der zweite Weltkrieg auf dem Lehrplan steht, zeigt Helma Mierza auch einen Film über Dresden.

Dass die Kurse jetzt zu Ende gehen, stimmt viele Teilnehmer traurig. Sie möchten wissen, wie es mit ihrer Integration in der neuen Heimat Deutschland weitergeht. Was man heute sagen kann: Am Marktplatz in Marienheide soll ein Flüchtlingstreff (Arbeitstitel „ABC-Raum“) entstehen, der auch Platz für Schulungen bietet. Dort können hoffentlich die weiterführenden Integrationssprachkurse angeboten werden.

Für das  „Bündnis für Flüchtlinge in Marienheide“
Hartmut Wendscheck