Robert, Sonja & Familie Salman

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Zwölf Stiche als Erinnerung. Die Narbe zieht sich längs über Salmans Bauch. Granatsplitter waren tief in ihn eingedrungen, als die Handgranate vor seinem Taxi explodierte. Salman hatte vor einem Palastgebäude auf einen ausländischen Fahrgast gewartet. Da traf ihn der Sprengkörper, der aus einem vorbeifahrenden Opel geworfen wurde. Dieses Attentat geschah vor zwölf Jahren. Narben hat das Leben seitdem einige hinterlassen. Nicht nur körperliche. Im August 2014 ist Salman Khalaf Darwesh mit seiner Familie aus dem Nordirak nach Deutschland geflohen. Zu groß wurde die Angst vor weiteren Anschlägen der radikalen IS-Milizen gegen die jesidische Minderheit, der sie angehören. Zu gefährlich das Leben in der Heimat. Als Mossul den Islamisten im Sommer in die Hände fiel, versteckten sich hundertausende Menschen aus den umliegenden jesidischen Dörfern in den Bergen. „Sie verschleppen, vergewaltigen und versklaven Mädchen. Eine Rückkehr ist für uns nicht denkbar“, gibt Salman dem Übersetzer zu verstehen. „In Marienheide“, fügt er hinzu, „können wir wieder ruhig schlafen.“ Die Sorge um den Verbleib der Verwandten und den seines Volkes ist weiterhin präsent.

Salmans Frau Giwani serviert Kaffee und Tee mit viel Zucker. Die Regale in ihrem kleinen Wohn- und Schlafzimmer sind spärlich eingeräumt. Tonlos sendet RTL sein Nachmittagsprogramm. Der zwölfjährige Sohn Dawood spricht ein paar Brocken englisch. Der FC Barcelona und dessen Ex-Stürmerstar Ronaldinho haben es ihm angetan. Schwester Shilan (17) kommt gerade von der Schule nach Hause ins Küsterhaus. Dort, gegenüber einem Kindergarten, hat Pater Robert Rego die Familie untergebracht. Das Büro des Gemeindepfarrers ist im Pfarrheim nebenan. Er ist oft in ihrer Nähe, so wie viele Marienheidener dies oft unbewusst sind, denn das Küsterhaus liegt unweit des Marktplatzes. Rego jedoch ist näher. Dawood und Shilan besuchen die Gesamtschule in Marienheide. „Genau wie meine beiden Kinder“, erzählt Sonja Verhufen. Die 40-jährige Hausfrau mit dem ansteckend sonnigen Gemüt kommt regelmäßig zu Besuch. Dann geht sie mit den Frauen shoppen, besorgt Schraubenzieher, damit Salman einen Schrank reparieren kann, oder begleitet die Familien bei Behördengängen. Das Küsterhaus teilen sich die Iraker mit einer Flüchtlingsfamilie aus Armenien, die in der ersten Etage einquartiert ist. Die irakisch-armenische WG funktioniere prima, freut sich Verhufen. In der Gemeinde hatte sich herumgesprochen, dass im Küsterhaus Flüchtlinge wohnen. Eines Dezemberabends kam Verhufen auf dem Heimweg vorbei und fragte spontan, ob sie in irgendeiner Form behilflich sein könne. Sie konnte.

 

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Durch Pater Robert Rego haben Salman, Giwani und Sohn Dawood eine Unterkunft gefunden (v.l.). Tochter Shilan ist beim Fototermin noch in der Schule. Sonja Verhufen (r.) unterstützt die Flüchtlinge, wo sie kann.

„Ich bin bereits dankbar, wenn mich jemand auf der Straße grüßt“, sagt Salman energisch gestikulierend. Der 56-Jährige macht deutlich, dass er sich nicht in ein Schneckenhaus zurückziehen will. Er will kommunizieren, greift jedes geschenkte Lächeln begierig auf. „Salman redet und redet immer, aber leider verstehe ich nichts“, sagt Verhufen. „Bevor ich also lange versuche ihm einen Weg zu erklären, schnappe ich mir meinen Mantel und bringe ihn zu seinem Ziel.“ „Normalerweise brauchen die Oberberger etwas Zeit, um mit jemandem warm zu werden“, berichtet Pater Robert Rego. Er war selbst einmal fremd hier. 2002 verließ er seine Heimatstadt Mangalore in Südindien, um dem Ruf seines Ordens nach Deutschland zu folgen. „Während der ersten Jahre habe ich oft gehadert, ob ich bleiben soll“, erzählt er. „In Indien waren für mich 15°C schon Winter und ich konnte mich anfangs schlecht artikulieren. Aber ich bin geblieben, weil ich auf viele hilfsbereite Menschen getroffen bin. Die wollte ich nicht alleine lassen.“ Mittlerweile hat sich Rego einbürgern lassen, ist Mitglied bei den Gimborner Schützenbrüdern und längst ein Karnevalsfan. Die Sprache war der Schlüssel. „Wir haben keine Schwierigkeiten mit unseren Mitschülern“, sagt Shilan, „Nur der Unterricht ist etwas langweilig, weil sich alle auf deutsch unterhalten.“ Ihre Eltern hoffen auf eine gute Zukunft in Deutschland für sie und ihren Bruder. All ihre Gedanken kreisen um die Kinder.

Eine schreckliche Zeit mussten sie auf ihrem Weg nach Marienheide durchstehen, erinnert sich Shilan ungern zurück. Nach der Flucht über die türkische Grenze, schlugen sich die Vier bis Istanbul durch. Dort nahmen sie Kontakt zu einem Schleuser auf. Der verlangte 22.000 Euro, dafür dass er sie auf einem Lkw mit Fahrtrichtung Deutschland versteckte. In einer Septembernacht sollte es losgehen. Plötzlich erfuhren Salman und Giwani, dass sie die Reise getrennt von ihren Kindern antreten mussten. „Wir haben geschrien, was das soll!“, empört sich Salman. Es gab keine Wahl. Einen Monat später fanden sie Dawood und Shilan in Dortmund wieder. Die Behörden verwiesen die Familie schließlich nach Marienheide.

Das Erste, was Pater Rego seiner ungewöhnlichen neuen WG damals besorgte, war ein großer Kühlschrank. Das Einkaufen im Supermarkt sei hier ja ganz einfach, amüsiert sich Salman. Einfach alles auf das Band legen und bezahlen – kein Feilschen. Nach dem Granaten-Anschlag auf ihn hatte Salman sein Taxi verkauft und einen Kiosk übernommen. Durch die hastige Flucht aus dem Irak ging jeglicher Besitz verloren. Doch es sind die kleinen Gesten, wie ein belegtes Brot zu Mittag, mit der sie versuchen, Rego und seinen Helfern ihre Dankbarkeit auszudrücken. „Das ist uns sehr wichtig“, beteuert Giwani und bedauert sehr, ihren Dank nicht in Worten formulieren zu können. In der Vorweihnachtszeit ging Pater Rego mit den Flüchtlingsfamilien Geschenke kaufen und verteilte Lebensmittelgutscheine. An Silvester lud sie der Hobbykoch ins Montfortaner Kloster zum gemeinsamen Essen. Es wurde getanzt, gelacht und Feuerwerk abgebrannt. „Nächstenliebe fängt dort an, wo man wohnt“, sagt Rego. „Meine Mutter hat immer gesagt: Egal welcher Religion du angehörst – sei gut und tue Gutes.“ An Karneval will Rego ihnen den Rosenmontagszug in Köln zeigen.

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Fotos: Paul Kalkbrenner / Bergischer Bote

Autor: Sebastian Last / Bergischer Bote